Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Lage einer Minderheit in der Minderheit
Bangladesh – Ein Mob von Hunderten von Menschen hat am 27. Januar die christliche Gemeinschaft im Flüchtlingslager Kutupalong Maga im Verwaltungsbezirk Cox's Bazar angegriffen und 18 Häuser sowie eine Kirche zerstört. Dabei verletzten die Angreifer 12 Personen, von denen acht ins Krankenhaus eingeliefert wurden, und entführten mindestens drei Christen.

Kinder in einem Rohingya-Flüchtlingslager


Behörden verzögern Untersuchung der Taten
Ein Christ im Lager berichtete Benar News, dass die Angreifer mit der „Arakan Rohingya Salvation Army“ (ARSA) verbunden seien, einer islamisch-extremistischen Gruppierung, die auch Angriffe auf Sicherheitskräfte in Myanmar durchgeführt hat. Es wird vermutet, dass die Gruppe immer noch Christen festhält, die möglicherweise gefoltert werden, obwohl einer von ihnen kurz nach der Entführung freigelassen wurde. Nach dem Angriff wurden 25 christliche Familien (70 Personen) in ein vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen beaufsichtigtes Durchgangslager gebracht.

Bislang ist unklar, was zu dem Angriff geführt hat. Die Christen vor Ort sind überzeugt, dass sie wegen ihres Glaubens angegriffen wurden. Die Polizei teilte Benar News jedoch mit, dass ein Konflikt zwischen zwei Personen zu dem „Zusammenstoß“ geführt habe.

Die Behörden wurden mehrfach gebeten, den Vorfall zu untersuchen und sich für die Freilassung der entführten Christen einzusetzen. Wie ein lokaler Partner Open Doors mitteilte, bestanden die zuständigen Beamten jedoch darauf, dass die Rohingya vor der Aufnahme von Ermittlungen Anzeige erstatten. Da hierzu jedoch offiziell nur Staatsbürger berechtigt sind, ist dies für die Rohingya angesichts ihres Status als Flüchtlinge sehr schwierig.

Rohingya-Christen in besonderem Maß verwundbar
Im Jahr 2017 wurde das hauptsächlich muslimische Volk der Rohingya im Rahmen eines „Völkermordes“ – so der Internationale Gerichtshof – aus Myanmar vertrieben. Unter den mehr als 700.000 Flüchtlingen befindet sich auch eine kleine christliche Minderheit. Während sie in den Flüchtlingslagern in Bangladesch wie alle dort Lebenden unter den schwierigen Umständen leiden, werden sie auch wegen ihres Glaubens unter Druck gesetzt und angegriffen. „Gerade in einer Situation, in der Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft verfolgt werden, ist der Zusammenhalt der Gruppe sehr wichtig und wird von ihren Mitgliedern streng überwacht. Die Enge der Lager und eine eher schwache Strafverfolgung erleichtern dabei die gegenseitige Kontrolle“, sagt Thomas Müller, Analyst der Forschungsgruppe „World Watch Research“ von Open Doors.
„Christen gelten als Menschen, die sich außerhalb der Gemeinschaft stellen und von westlichen Christen ‚gekauft‘ werden. Zu dieser verzerrten Wahrnehmung kommt die Radikalisierung der Rohingya-Muslime durch Gruppen wie ARSA und die Prioritäten der Sicherheitskräfte in Bangladesch: Sie sind mutmaßlich stärker daran interessiert, alle Unruhen unter Kontrolle zu halten, als eine religiöse Minderheit zu schützen. All das trägt zu einer sehr großen Verwundbarkeit der Christen unter den Rohingya bei“, so Müller. Nur wenige Tage vor dem Angriff drückte die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in Myanmar, Yanghee Lee, ihre Besorgnis über die Lage der Christen in den Lagern aus.

Auf dem Weltverfolgungsindex steht Bangladesch aktuell an 38. Stelle unter den Ländern, in denen Christen am stärksten wegen ihres Glaubens verfolgt werden.