Interdisziplinäres Wissenschaftlerteam der Universitäten Gießen und Frankfurt am Main widerlegt Ergebnisse eines 50 Jahre alten Experiment aus der Sozialpsychologie – „Wissen immer wieder kritisch hinterfragen“
Laufen Kakerlaken schneller, wenn ihnen andere Kakerlaken dabei zuschauen? Ein Team von Psychologinnen und Psychologen der Justus-Liebig-Universitäten Gießen (JLU) und einer Biologin der Goethe-Universität Frankfurt am Main hat dies überprüft. Mit ihrer Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht wurde, widerlegten sie die Ergebnisse eines 50 Jahre alten Experiments amerikanischer Sozialpsychologinnen und -psychologen.

Die Kakerlakenrennstrecke mit „Zuschauern“. Foto: Emma Halfmann


Anders als damals stellten die Forscherinnen und Forscher nun fest, dass Kakerlaken langsamer laufen – also sozial gehemmt werden –, wenn Artgenossen anwesend sind. „Unsere Studie ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, bestehendes Wissen immer wieder kritisch zu hinterfragen und auch mit neuen Methoden und Standards einer weiteren Prüfung zu unterziehen“, so Prof. Dr. Jan Häusser, Professor für Sozialpsychologie an der JLU und Leiter der Forschungsgruppe.

In der früheren Studie berichteten die Autorinnen und Autoren, dass die Anwesenheit von „Zuschauerkakerlaken“ einen Einfluss auf die Laufgeschwindigkeit von Kakerlaken habe: Mussten die Kakerlaken einen geraden Weg laufen, erleichterte ihnen die Anwesenheit von anderen Kakerlaken diese einfache Aufgabe – die Kakerlaken liefen schneller als ohne Zuschauer. Musste die Kakerlake hingegen durch ein kleines Labyrinth laufen, erschwerte die Anwesenheit anderer Kakerlaken diese komplexere Aufgabe – die Kakerlake lief langsamer als ohne Zuschauer.

Dieses Phänomen wird als soziale Erleichterung und soziale Hemmung bezeichnet und wurde in der Folge in der Sozialpsychologie umfassend erforscht, auch an Menschen. Allerdings ist die damalige Studie nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben nicht besonders aussagekräftig: Es wurden nur sehr wenige Kakerlaken getestet, außerdem wurde der entscheidende statistische Test zur Überprüfung der Hypothese nicht vorgenommen.

Daher beschloss das Team aus Gießen und Frankfurt am Main, die Studie noch einmal durchzuführen und dabei aktuelle Standards der Forschung einzuhalten. Da ein Originalbauplan der Rennstrecken vorhanden war, konnten diese exakt nachgebaut werden. Insgesamt liefen 120 Kakerlaken durch die Rennstrecken, jede von ihnen zehnmal. Dabei wurden bei der Hälfte der Kakerlaken je 40 „Zuschauerkakerlaken“ neben der Rennstrecke platziert. Anders als in der Originalstudie behauptet, konnten die Forscherinnen und Forscher aber keinen Hinweis auf soziale Erleichterung finden. Im Gegenteil: Unabhängig von der Schwierigkeit der Rennstrecke führte die Anwesenheit der Artgenossen immer dazu, dass die Kakerlaken deutlich langsamer liefen.

„Unsere Ergebnisse sprechen ganz klar gegen das Auftreten von sozialer Erleichterung“, fasst Emma Halfmann, die Erstautorin der Studie die Ergebnisse zusammen. „Offenbar ist die Anwesenheit der Artgenossen sehr stark ablenkend und führt dazu, dass die Aufgabe schlechter ausgeführt wird.“